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Mit dem Bike nach Le Havre

   
 

 

Dienstag, 9. August 2011, 1. Etappe, Rothrist-Kruth 130 km, 520 hm.

Nach einer guten Nacht, nochmals im eigenen Bett, und ausgiebigem Frühstück starte ich um 07.40 Uhr in Rothrist auf meine 1. Etappe Rothrist-Kruth. Schon bald merke ich, dass mein Garmin nicht richtig arbeitet. Es zeigt die Geschwindigkeit nicht richtig oder gar nicht an. Auch die Kilometer sind alles andere als korrekt. Einige Male halte ich an um Einstellungen vorzunehmen aber sie bringen nichts. Auf dem Hauenstein halte ich kurz um ein Foto zu machen.
Zügig geht’s nachher runter bis Basel und weiter nach St. Louis. Mit etwas Glück finde ich dann auch die mit Heinz abgemachte Strecke. Später aber bleibe ich auf der D 206 Richtung Rixheim-Mulhouse und verpasse den abgemachten Ort für den Mittagshalt. Das sorgt in den folgenden 1 ½ Std. für zahlreiche Telefonanrufe und auch zum ersten Zwist zwischen mir und Heinz.
In Thann treffen wir und beim Lidel und dann gibt’s um 13.00 Uhr Mittagessen. Die restlichen 21 Kilometer bis Kruth sind bei diesem starken Gegenwind in einer Stunde geschafft und wir können das Wohnmobil installieren, um dann das erste Bier zu trinken.
Später versuche ich alles um den Fehler beim Garmin zu finden aber ich bin wieder einmal ratlos und würde am liebsten auf das Sch… Gerät treten.

Mittwoch, 10. August 2011, 2. Etappe, Kruth-Villers-les-Nancy 139 km, 610 hm.

Nach einer ruhigen Nacht erwache ich um 06.00 Uhr und beschliesse noch ein bisschen liegenzubleiben. Gegen 06.30 Uhr stehen wir auf und Heinz macht Frühstück. Die Nacht war mit etwas mehr wie 9 Grad relativ kalt. Nach dem Frühstück mache ich mich auf, die 500 Höhenmeter auf den Pass Col du Bramont zu erklimmen. Die Steigung ist angenehm und so komme ich gut voran. Bei der Abfahrt und auch später noch habe ich Mühe meine Finger warm zu halten, wäre mit Ganzfinger Handschuhe besser angezogen. Die Gegend der westlichen Vogesen ist sehr schön und ich geniesse die Fahrt in vollen Zügen.
Mein Garmin hilft mir heute auch nicht mehr wie am Vortag, teils navigiert es aber nur in ganz speziellen Ausnahmefällen. Nach den ersten 100 km erwartet mich Heinz auf einem Rastplatz zum Mittagessen.
Nach dem Mittagessen probiere ich es noch einmal indem ich die Route neu eingebe und berechnen lasse. Denn nun ist es wichtig, weil in Nancy ganz genau gefahren werden muss, ansonsten mache ich zu viele Kilometer und werde den Campingplatz nicht finden. Und siehe da, es navigiert, wenn auch ein bisschen komisch. Es gibt mir nicht die Kreuzungen vor, aber ich kann mich immer an der Lilalinie orientieren und finde so die Ortschaft und das Camp im ersten Anhieb.
Im Camp angekommen rufe ich Herr Lehmann von Titan Bike in Strengelbach an, er hat mir auch vorher viel geholfen und Tipps mit der Handhabung des Garmins’s gegeben. Er hat sofort gesagt, dass kann nur der Radgeber sein. Denn wenn ein Radumdrehzähler montiert ist arbeitet das Garmin nicht nur nach GPS sondern mehrheitlich nach dem am Hinterrad montierten Zähler. Und recht hatte er; nachdem ich die Distanz des Abnehmers verändert habe, sind wieder alle Daten vorhanden. Nun freue ich mich die Strecken mit allem Drum und Daran aufzeichnen zu können. Weiter möchte ich bis Paris die Situation so im Griff haben, dass ich den Weg auch finde und nicht irgendwo in der Stadt herum irre.

Donnerstag, 11.08.2011, 3. Etappe Villers-les-Nancy-Vitry-les-Francoise, 132 km, 682 hm.

Um 8.00 Uhr starte ich heute zur 3. Etappe nach Vitry-les-Francoise. Erst geht es ganz flott voran, die Temperatur ist angenehm, eher kühl. So ab 10.00 Uhr fängt der Westwind immer stärker an mir ins Gesicht zu blasen. Er wird zum Teil so stark, dass ich bergab die Kette hinten auf der 4 Scheibe habe um überhaupt gegen den Wind vorwärts zu kommen. Ich bin dankbar für jede Sträucher Gruppe und jedes Strassenbord das mir für eine kurze Zeit den starken Wind abhält.
Bis zum Mittag fahre ich auf wenig befahrenen Strecken, kaum ein Auto, aber wunderbare Täler und Flussläufe die ich beim Fahren bestaunen kann.
Am Mittag treffe ich Heinz in Ligny-en-Barrois. Abgemacht wäre eigentlich St. Dizier aber wegen des starken Windes und der Mehrkilometer die ich mit meiner exzellenten Navigation mache (90 km) bin ich stark im Rückstand.
Da wir neben der RN 4 keine annehmbare Strecke finden um mit dem Bike nach St. Dizier zu kommen beschliesse ich schweren Herzens das Bike bis nach Ancerville aufzuladen. Von da fahre ich die restlichen Kilometer (42) nach Vitry-les-Francoise.

   
 
   
 

 

Freitag, 12. August 2011, 4. Etappe Vitry-les-Francoise-Crecy-la-Chapelle, 136 km, 984 hm.

Ab Vitry-les-Francoise bin ich mit einem gut ausgefüllten Spickzettel gestartet für den Fall, dass die RN 4 wieder als Autostrasse markiert ist und ich die mit dem Bike nicht befahren darf. Zu meinem grossen Glück musste ich keine Umwege fahren und konnte die N4 bis Esternay befahren. Das heisst es ging 81 km geradeaus. Immer hoch auf eine Kuppe um wieder ins Thal runterzugehen und dann die nächste Kuppe zu erklimmen. So kamen auf die 136 km noch 984 Höhenmeter dazu.
In Esternay wurde ich von Heinz mit eine feinen Steak zum Mittagessen verwöhnt. Anschliessend wurden noch die restlichen 50 Kilometer in Angriff genommen. Über Coulommiers nach Crecy-la-Chapelle ging es in gleicher Manier wie am Morgen weiter. Jetzt habe ich von 4 Etappen 3 Etappen gegen den starken Westwind hinter mir. Mittlerweile habe ich mich so an ihn gewöhnt, dass er mir schon fehlen würde, wenn er mir nicht kräftig ins Gesicht blasen würde.

Samstag, 13. August 2011, 5. Etappe Crecy-les-Chapelle-Maison-Laffitte, 95 km, 544 hm.

Heute trödle ich ein wenig beim Frühstück, denn die Etappe scheint mit 73 km sehr kurz zu sein. Ich will sowieso in Paris ein bisschen den Sehenswürdigkeiten nachfahren. Der Weg nach Paris ist nicht so leicht zu finden da mein Navi mich immer auf die Autobahn nehmen will. Nach 45 km Suchfahrt bin ich nun über den Phériéferique und das Navi hat jetzt die Route die auch mit dem Velo gefahren werden darf. So komme ich von Vecennes her zügig und über abenteuerliche Gassen in die Stadt und an den Place Bastille. Über die Ile de France fahre ich zum Eifelturm und wieder zurück an den Place Concord. Von da geht es die Champs Elysées hinunter resp. hinauf bis zu Arc de Triomphe um da eine halbe Runde drum herum zu fahren und weiter Richtung La Défense. In La Défense ist es wieder schwer den Weg Richtung Maison Laffitte zu finden. Mit der Zeit, und dank dem Navi, das mir immer die Richtung zeigt die eigentlich gefahren werden sollte, habe ich den Weg doch noch gefunden. Später halte ich bei einer Pizzeria an und esse eine Calzzone. Frisch gestärkt nehme ich die letzten paar Kilometer unter die Räder und bin schon bald an meinem Tagesziel. In Maison Laffitte angekommen werden meine Kindheitserinnerungen wieder wach und ich fahre den Park bis zum Hippodrome ab und stelle fest, dass es immer noch das gleiche Labyrinth ist wie anno dazumal. Später fahre ich zum Camping und sehe, dass ich anstelle der voraus gesagten 73 km, deren 95 km gefahren bin. Auch heute war ein starker Westwind und genau beim Eiffelturm hat es ziemlich stark zu regnen begonnen.

Sonntag, 14. August 2011, 6 Etappe, Maison Laffitte-Barentin, 152 km, 1248 hm.

In der Nacht hat es sehr stark geregnet, jedes Mal wenn ich aufgewacht bin, habe ich mich auf die Fahrt mach Jumièges gefreut. Am Morgen war es dann auch so, nur wenn es geschneit hätte wäre es schlechter gewesen. Nach einer Stunde hat sich dann das Wetter verbessert und ich konnte die Fahrt gegen den Wind durch schöne Täler und Wälder geniessen. Das Navi hat mich auch über unbefestigte Strecken geführt und ich war froh, dass es so gut geklappt hat. Sonst wäre ich irgendwo im Wald gewesen und hätte weder vor noch zurück gefunden.
Bald schon rief mich Heinz an um mir mitzuteilen, dass er einen Reifen kaputt gefahren habe und den am Sonntag nicht repariert bekäme. Da am Montag zusätzlich noch Feiertag war musste ich mich entscheiden ob ich via Taxi zurückfahren sollte um wenigstens Zahnbürste und ein paar Habseligkeiten zu holen. Ich entschied mich nach Rouen zu fahren um da zu sehen ob ich mit den Zug wieder zurückfahren könne. In Rouen klärte mich der Bahnbeamte über die Möglichkeiten auf. Die dauerten mir aber zeitlich zu lange und so entschied ich mich ohne Zahnbürste auszukommen. Natürlich musste ich jetzt umdisponieren und konnte nicht wie vorgesehen nach Jumièges auf den Camping fahren.
Im Hotel Ibis in Rouen fragte ich nach einem nächsten Ibis-Hotel nach, das etwa 20 Kilometer weiter entfernt sei, da es mir noch zu früh war um Feierabend zu machen. Der Mann am der Theke sagte mir in Barentin sei ein Ibis und das wären ca. 20 km. und erst noch billiger als bei ihm. In Barentin war nur eine Frau die an Sonntag Dienst hatte. Sie musste die Gäste annehmen, Telefon, Bar und Küche bedienen. Dadurch ging alles ein bisschen langsamer, zusätzlich hörte sie sich selber gerne reden. So hat mich lange keine Frau mehr zugetextet, zudem hatte sie beim Sprechen eine Geschwindigkeit drauf, die mich an eine Maschinengewehrsalve erinnerte. Endlich um 21.00 Uhr, nach einer Verabschiedung von 30 Minuten konnte ich mich in einer Redepause flüchten und mich auf’s Ohr legen.

Montag, 15. August 2011, 7. und vermeintlich letzte Etappe, Barentin-Le Havre, 68 km (111 km), 474 hm.

Am Morgen nach dem Frühstück, die Frau hatte zu Glück keinen Dienst, und so kam ich mit auschecken schnell voran und konnte mich auf die Reise machen. Ich dachte mir, dass das noch eine kurze Rolleretappe werde und ich gemütlich ins Ziel fahren könne. Ich hatte aber nicht mit der schnellen Verschlechterung der Kette und dem grossen Ritzel gerechnet, dass sich in Paris zum ersten Mal bemerkbar gemacht hat. Die Kette sprang richtig auf dem Ritzel und vom Ritzel nach aussen mal nach innen, einfach wies gerade passte. Die meiste Zeit musste ich auf dem mittleren Blatt fahren und der Westwind war mein treuer Bremser. Endlich kam ich in Harfleur an und schickte mich noch die restlichen paar Kilometer nach Le Havre zu machen als ich vor mir in einem Kreisel eine Rennvelogruppe sah. Einer der Fahrer hatte einen Velodress mit Schweizerkreuz und jetzt wollte ich die Gruppe unbedingt einholen und sie fragen woher sie kommen. Das war leider nicht so einfach, da ich nicht auf das grosse Ritzel schalten konnte und die Rennfahrer, in der Gruppe sowieso schneller sind musste ich „nabeln“ wie blöd. Nach einigem kämpfen, gelang es mir dann doch die Gruppe einzuholen und hörte schnell, dass sie Französisch sprachen. Ich überholte sie bis zum Mann mit Schweizerkreuz und frage ihn ob er aus der CH käme und er bejahte. Natürlich wollte ich wissen woher sie seien und wie sie hergekommen sind, da erklärte er mir, dass er den Dress im Internet bestellt und gekauft habe, weil ihm die Farbe und die Schweiz gefalle.
Später habe ich ganz Le Havre mit dem Bike bereist und Hotel gesucht und schon ist aus der vermeintlich kurzen Etappe - eine Etappe von 111 km geworden. Am Abend im Hotel habe ich meine Velokleidung in einen Plastiksack verstaut da ich annahm am Ziel zu sein. Kurz vor Harfleur habe ich in einem Super U T-Shirt, Jeans, Unterhosen, Socken und Zahnbürste mit Zahnpaste gekauft, denn es gibt nichts peinlicheres, als in einem Hotel in Velokleidung rumzulaufen. Frisch geduscht und wie ein normaler Bürger angezogen ging ich in eine nahe Bar um die erstandenen Ansichtskarten zu schreiben.

Dienstag, 16. August 2011, Zusatzschlaufe Le Havre-Harfleur-Horfleur, 70 km, 424 hm.

Am Morgen um 09.00 Uhr telefonierte ich mit Heinz und er teilte mir mit, dass er einen neuen Reifen montiert bekommen habe und in Kürze die Fahrt nach Harfleur antreten werde. Ich sagte ihm dass ich die paar Kilometer nach Harfleur mit dem Bike zurücklegen werde und wir uns auf dem Campingplatz so gegen Mittag treffen würden. Auf der Fahrt nach Harfleur bin ich noch Umwege gefahren und mir Sachen anzuschauen, denn ich hatte ja genug Zeit. Am Mittag in Harfleur angekommen wollte ich mich zu Camping durchfragen, habe aber ziemlich schnell herausgefunden, dass es in Harfleur keinen Campingplatz gibt. Bei einem weiteren Telefonat mit Heinz, gab er mir den Namen des Campings an und ich ging mit diesem auf das Touristenbüro. Die junge Frau sah mich mit grossen Augen an und sagte, dass es in Harfleur keinen Campingplatz gebe und sie diesen Namen noch nie gehört habe. Nach langem Suchen kam sie darauf, dass dieses Camping in der Nähe von Horfleur ist, auf der anderen Seite der Seine, so 30 km von Harfleur entfernt. Ich teilte Heinz die neue Erkenntnis mit und er sagte, dass er mich auf der anderen Seite der Brücke erwarte. Die ca. 20 km zur Brücke nach Tancarville hatte ich relativ schnell da nun einmal der Wind mit mir war. Leider war Heinz nicht auf der anderen Seite der Brücke - da er mich beim Pont de Normandie erwartete. Da wäre ich auch gerne darüber gefahren weil viel näher, doch alle Zufahrten mit Velofahrverbot belegt waren. Und auf der mir zur Verfügung stehenden Karte war alles als Autobahn eingezeichnet. So mit dem letzten bisschen Akku haben wir uns doch noch gefunden. Das Bike wurde aufgeladen und vor den Pont de Normandie transportiert. Im Restaurant haben wir uns als erstes mit einem Mittagessen gestärkt und anschliessend habe ich die Brücke mit dem Fahrrad überquert. Denn nur so konnte ich auch anhalten und ein paar Fotos machen.
Total habe ich auf dieser Tour in 7 ½ Tagen 965 km zurückgelegt und 5486 hm überwunden. Dank der guten Betreuung von Heinz, mit fein zubereiteten Mahlzeiten und süssen Leckerbissen zur richtigen Zeit. Meiner guten Konstitution und der Überwachung durch den Herzfrequenzmesser, hatte ich nie eine Krise und bin immer gut über die Runden gekommen. Etwas anderes war die Langeweile, denn die Kilometer und stundenlangen geraden Strassen, die immer gegen den starken Westwind gefahren werden mussten, sind mir manchmal schon richtig an die Substanz gegangen.
Am 17. August 2011, haben Heinz und ich Etretat besucht. Das Bike war am Vortag in der Garage des Wohnmobils parkiert und angeschnallt worden. Anschliessend sind wir nach Crecy-la-Chapelle zurückgefahren, wo wir noch eine Nacht im Camper verbrachten bevor wir uns trennten. Heinz fuhr zurück in die Schweiz und ich bestieg den Zug nach Paris, um dort noch vier Tage mit meiner Lebenspartnerin zu verbringen.

Walter Müller

 

 

 
   
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