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„Viele Stunden entfliehen uns, viele werden
uns gestohlen,
viele schlüpfen uns unter den Händen weg“ (Seneca)
Aber diese gemeinsamen Stunden lassen wir uns nicht nehmen!
Unter diesem Motto hat Walter Müller dieses Jahr seine Gäste
für den Bevero- Rivella-Event eingeladen. Einmal mehr holten wir
die aufgestellte Gästeschar am 27. Mai 2011, am Haupteingang der
Rivella ab. Etwas früher als gewohnt – möchte man etwas
zusammen erleben, fehlt dann oft die Zeit dazu. Ein letztes Mal hat
Otto Weibel einer „Verlängerung“ zugesagt (vielen
Dank Otto).
Die Fahrt mit dem Bus (wie immer gefahren von Erich Imgrüth -
auch ihm ein Dankeschön) ging nach Küttigen AG, auf das Weingut
der Familie Wehrli. Lange hat sich die Schreiberin überlegt was
sie über Susi Wehrli schreiben könnte. Nachstehender Text
spricht ihr aus der Seele (wurde allerdings kopiert aus der Homepage
von Susi Wehrli, mit Erlaubnis der Fam. Wehrli):
Susi Wehrli ist eine Sammlerin. Aus allen Ecken der Erde bringt sie
etwas nach Hause. Doch es sind keine Gegenstände, die sie in ihrer
Heimat im Kanton Aargau hortet, es sind Souvenirs im wörtlichen
Sinn: Erinnerungen an Gerüche und Geschmäcke, Erkenntnisse
und Emotionen.
Während ihrer Ausbildung war Wehrli in Australien, im Burgund,
in Südfrankreich, und überall hat sie Menschen gefunden,
von denen sie lernen konnte: Aus Australien hat sie ihr Wissen um die
Weine der Neuen Welt mitgebracht, aus dem Burgund den traditionellen
Barriqueausbau, aus Südfrankreich die Liebe zum Boden. «Aber
es geht nie nur um den Wein», sagt die Jungwinzerin. «Es
geht auch um die Nahrungsmittel, den Geruch einer Gegend, die Mentalität
der Menschen: Ich will mir eine Landschaft mit allen Sinnen erschliessen.»
Früh legt sich die Dämmerung über das aargauische Dorf
Küttigen und seine stillen Hänge. Der Winter gönnt den
Winzern eine Ruhepause in den Reben, doch im Keller der Familie Wehrli
gibt es viel zu tun. Gerade war Susi Wehrli an einem Workshop, nun
bringt ein befreundeter Kollege die Hefe für die Gärung vorbei.
Die 27-Jährige ist stets in Bewegung, selbst wenn sie sich hinsetzt,
tanzen ihre Hände durch die Luft.
Zehn Jahre ist es her, seit Susis Vater Peter Wehrli, Winzer und Präsident
des Branchenverbands Aargauer Wein, in einem Interview gesagt hat: «Ein
solcher Betrieb kostet viel Zeit und Kraft. Es erstaunt mich nicht,
wenn die Kinder nicht unbedingt in die Fussstapfen ihrer Eltern treten
wollen. Aber: Unsere Kinder haben arbeiten gelernt.» Susi Wehrli
lacht, als sie den letzten Satz hört.
Das stimme, sagt sie. Während die Kolleginnen jeweils ins nahe
Aarau einkaufen gingen, halfen Susi und ihr Zwillingsbruder Rolf in
den Reben oder füllten im Keller Wein ab. Sie sei kein modischer
Teenager gewesen und sie habe damals auch einige Freundinnen verloren,
weil sie wenig Zeit hatte, sagt Susi Wehrli. «Aber rückblickend
bereue ich nichts. Ich kann heute wirklich von morgens bis abends durcharbeiten.»
«Ich werde Winzerin!»
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Als ihr Vater vor zehn Jahren interviewt wurde,
war Susi sechzehn Jahre alt. Sie hatte gerade mit der Lehre als Winzerin
begonnen, obwohl sie sich lange nicht hatte vorstellen können, in dieser Branche
zu arbeiten. Auch ihre Eltern drängten sie nie, im Gegenteil.
Susi absolvierte Schnupperlehren als Landschaftsgärtnerin, als
Floristin, doch danach wollte sie doch noch auf ein Weingut.
Eine Woche verbrachte sie auf dem Schloss Salenegg im bündnerischen
Maienfeld, und sie erinnert sich noch immer gut an ihre Rückkehr:
Es war Frühling, sie hatte eine Woche lang Reben gesetzt, und
als sie am Samstag nach Küttigen kam, regnete es in Strömen.
Susi ging direkt in den Rebhang, um zu helfen, und dort sagte sie zu
ihrem Vater: «Vätsch, ich werde Winzerin!» Natürlich
waren ihre Eltern ausser sich vor Freude. Sie habe sich damals in den
Beruf verliebt, sagt Wehrli heute, und in die Menschen, die ihn ausüben.
Ganz wichtig für ihre Entscheidung sei die Betreuerin auf Salenegg
gewesen: «Sie war mir ein Vorbild. Eine Frau, die anpacken kann
wie ein Mann und trotzdem sehr weiblich geblieben ist.»
Die Lehre führte Susi Wehrli auf Weingütern am Genfersee,
in Spiez und in der Bündner Herrschaft, danach reiste die junge
Frau nach Australien, ohne ein Wort Englisch zu sprechen, arbeitete
bei Winzern in Südfrankreich und im Burgund.
Ihr Zwillingsbruder Rolf hingegen konnte sich schon als Kind weniger
für die Reben begeistern. Während Susi in die Weinwelt eintauchte,
lernte Rolf Polymechaniker, arbeitete in der Entwicklungshilfe, machte
eine Weltreise.
Sichtbarer Geschmack
Zehn Hektaren Rebfläche bewirtschaftet die Familie Wehrli, auf
ganz unterschiedlichem Terroir. Susi Wehrli präsentiert die Böden
des Betriebs wie Ausstellungsstücke: Grosse Gläser sind im
Degustationslokal aufgereiht, mit Erde und Steinen gefüllt, ähnlich
und doch ganz anders. Die Gegend um Küttigen liegt auf dem Jurasüdfuss,
die Böden bestehen aus verschiedenem Material: Der eine hat besonders
viel Eisenerz, der andere Muschelkalk, und der dritte ist eine Moräne,
die der Gletscher zurückgelassen hat. Auf der Moräne wachsen
die Blauburgunderreben, aus denen Wehrli ihren Brestenberger Pinot
noir keltert.
Wenn man seinen Geschmack sichtbar machen müsste, dann würde
Susi Wehrli mineralische Steine, Johannisbeeren und vielleicht Leder
in ein grosses Glas füllen. Bei ihrem weissen Riesling x Sylvaner
hingegen käme ein wenig kalkhaltige Erde ins Glas, dazu Blüten
und Gras. Wehrli mag Visualisierungen, für Degustationen stellt
sie hin und wieder solche Geruchsbilder zusammen. Es sei dasselbe wie
beim Reisen, sagt sie: «Man soll Wein nicht nur schmecken, man
soll ihn auch sehen und verstehen können.»
Susi Wehrli mag typische, sortenreine Weine. Und sie möchte anwenden,
was sie im Ausland gelernt hat. Kein Wunder, waren sich Vater und Tochter
nicht immer einig. Die Jungwinzerin wollte zum Beispiel unbedingt die
Burgunder Spontanvergärung ausprobieren, bei der der Traubenmost
direkt ab Presse in die Barrique kommt und nur dank natürlicher
Hefen gärt. Dafür hatte sie die Ernte von den ältesten
Stöcken des Betriebs vorgesehen, Riesling x Sylvaner, den ihre
Grosseltern vor 60 Jahren gepflanzt hatten. Der Vater hatte Bedenken,
kann bei dieser Verarbeitung doch ganz viel schiefgehen.
Doch die Tochter setzte sich durch, und das Ergebnis begeisterte auch
die Eltern. Es sei zu Beginn nicht immer einfach gewesen, so eng mit
dem Vater zusammenzuarbeiten, sagt Wehrli, denn sie seien beide voller
Energie, sprudelnd und eigensinnig. Manchmal wurde es laut im Keller,
und man redete aneinander vorbei. «Aber zum Glück kam dann
jeweils meine Mutter und fragte nach, bis wir merkten, dass wir eigentlich
das Gleiche meinten.»
Natürlich sind die Eltern extrem stolz auf ihre erfolgreiche Tochter.
Und auf ihren erfolgreichen Sohn. Denn Rolf Wehrli, der sich nie vorstellen
konnte, in den Familienbetrieb einzusteigen, ist inzwischen auch dabei.
Vor zwei Jahren führte ihn seine Weltreise auf ein Weingut im
australischen Margaret River, und dort in der Ferne entdeckte er doch
noch seine Liebe zu den Reben.
Aus Australien rief er seine Schwester an und fragte, ob es für
sie in Ordnung wäre, wenn er auch in den Betrieb einsteige. Und
Susi Wehrli freute sich enorm, denn bei allen Unterschieden steht ihr
der Zwillingsbruder sehr nahe.
Nun sind also Vater, Mutter, Bruder und zeitweilig auch Susi Wehrlis
Lebenspartner im Familienbetrieb versammelt, ganz so, wie es die Jungwinzerin
mag. Aber nicht so, wie es das Klischee erwarten liesse: Rolf kümmert
sich nämlich mehr um den Verkauf und die Logistik des Betriebs,
Susi hingegen arbeitet am liebsten körperlich, im Keller und in
den Reben.
Das war eindeutig – diese Zeit bei der Fam. Wehrli in Küttigen
ging viel zu schnell vorbei – aber alle Gäste waren begeistert
von der Führung durch die Weinkeller und die anschliessend Degustation
mit Susi Wehrli.
Anschliessend fuhr uns Erich nach Obererlinsbach in den Hirschen wo
uns Albi von Felten bereits erwartete. Das Geniessen ging weiter. Als
Erstes wurden wir von Albi von Felten in seinen Essigkeller eingeladen.
Unter dem Motto: Essig - sauer, gesund und spannend! –brachte
uns Albi von Felten seine Leidenschaft für den selbstangesetzten
Essig nahe. Anschliessend schlenderten wir gemütlich durch den
wunderschönen Garten des Landgasthofes. Nun aber waren alle hungrig.
Ein wunderbares Menu, feiner Wein und gute Gespräche rundeten
den gemütlichen Abend ab.
Schreiberin: Marion Werder
Fotos: Martin Künzli
Text Weinbau: Susi Wehrli
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